Archiv nach Monaten: August 2012

Der Chaos Computer Club 1986 bis 1988 – Vereinsgründung, Volkszählung und die maschinenlesbaren Regierung

Der folgende Text ist ein Auszug aus meiner geschichtswissenschaftlichen Masterarbeit mit dem Thema “Ursprünge und Entwicklung des Chaos Computer Clubs in den 1980er Jahren” (PDF|ePub). Weitere Auszüge folgen in den nächsten Tagen. Alle bereits veröffentlichten Teile sind hier zu finden.

Das Jahr 1986 stand für den Club im Zeichen befürchteter juristischer Auseinandersetzungen. Am 1. August 1986 trat das zweite Wirtschaftskriminalitätsgesetz in Kraft, welches das Strafgesetzbuch änderte. Von nun an war das Ausspähen von Daten (§ 202a StGB) ebenso unter Strafe gestellt wie ihr rechtswidriges Ändern (§ 303a StGB) oder die Sabotage von Computern (§ 303b StGB). Vom Club wurde damals befürchtet, dass die Strafrechtsänderungen Auswirkungen auf ihn haben könnten, und dass er von der Polizei als eine kriminelle Vereinigung eingeschätzt werden könnte, die zu Straftaten aufruft oder selbst welche begeht. Um dies zu verhindern, gründete der Club im Frühjahr 1986 einen eingetragenen Verein, der künftig die rechtliche und finanzielle Grundlage für ihr Handeln liefern sollte. In der Datenschleuder wurde die Satzung des Chaos Computer Clubs e. V. abgedruckt. Dort heißt es in der Präambel:

„Der Chaos Computer Club ist eine galaktische Gemeinschaft von Lebewesen, unabhängig von Alter, Geschlecht und Rasse sowie gesellschaftlicher Stellung, die sich grenzüberschreitend für Informationsfreiheit einsetzt und mit den Auswirkungen von Technologien auf die Gesellschaft sowie das einzelne Lebewesen beschäftigt und das Wissen um diese Entwicklung fördert.“1

Die in der Präambel formulierten Ziele sollten laut der Satzung durch regelmäßige Veranstaltungen, Treffen und Telefonkonferenzen, der Herausgabe der Datenschleuder und Öffentlichkeitsarbeit in allen Medien erreicht werden. Außerdem wollte der Verein seine Ziele durch „Informationsaustausch mit den in der Datenschutzgesetzgebung vorgesehenen Kontrollorganen“2 sowie „Hacken“ und der Beratung seiner Mitglieder in technischen und rechtlichen Fragen erreichen. Die bereits bestehenden Gruppierungen in anderen Städten wurden als „Erfahrungsaustauschkreise“ (Erfa-Kreise) in die Satzung aufgenommen.3

Die Satzung musste jedoch bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im Herbst 1986 geändert werden, da das Finanzamt der Auffassung war, das „Hacken“ keine gemeinnützige Tätigkeit sei. Die Mitgliederversammlung beschloss daraufhin, den umstrittenen Punkt mit „Förderung des schöpferisch-kritischen Umgangs mit Technologie“ zu ersetzen und gleichzeitig klarzustellen, was sie unter dem Begriff „Hacken“ verstand.4

Die Vereinsgründung bedeutete auch ein neues Selbstverständnis des Clubs. Er sah sich jetzt verstärkt als ein Forum und Sprachrohr der westdeutschen Hackerszene, der durch seine Bekanntheit Öffentlichkeit herstellen und Schutz vor Strafverfolgung bieten konnte.

„Der Chaos Computer Club gilt in der Öffentlichkeit als eine Art Robin Data, vergleichbar mit Greenpeace, Robin Wood und anderen. Spektakuläre Aktionen, wie beispielsweise der Btx-Coup, […] werden als nachvollziehbare Demonstrationen über Hintergründe im Umgang mit der Technik verstanden. Der CCC hat damit eine aufklärerische Rolle für den bewußten Umgang mit Datenmaschinen übernommen. […] Durch dieses Image in der Öffentlichkeit, hat sich der CCC in den letzten Jahren einen Freiraum erkämpft, in dem unter gewissen Voraussetzungen Hacks möglich sind, die Einzelpersonen in arge Schwierigkeiten bringen würden. […] Gleichzeitig besteht wegen der gesellschaftlichen Aufgabe des CCC die Notwendigkeit, einer Kriminalisierung von Hackern entgegenzuwirken.“5

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  1. Satzung des Chaos Computer Clubs. In: Die Datenschleuder 16, September 1986, S. 4f. Auch in: Hackerbibel 2, S. 160.
  2. Satzung des Chaos Computer Clubs, S. 4.
  3. Vgl. Satzung des Chaos Computer Clubs, S. 5.
  4. Vgl. Mitgliederversammlung des CCC e. V. vom 8. 11. 1986. In: Die Datenschleuder 17, Dezember 1986, S. 7. Auch in: Hackerbibel 2, S. 169.
  5. (Jürgen Wieckmann): Thema Hacken. Ein Statement. In: Die Datenschleuder 17, Dezember 1986, S. 7. Auch in: Hackerbibel 2, S. 169.

Der Chaos Computer Club 1985 und 1986 – Hackerbibeln, Datenklo und der Vorwerk-Fall

Der folgende Text ist ein Auszug aus meiner geschichtswissenschaftlichen Masterarbeit mit dem Thema “Ursprünge und Entwicklung des Chaos Computer Clubs in den 1980er Jahren” (PDF|ePub). Weitere Auszüge folgen in den nächsten Tagen. Alle bereits veröffentlichten Teile sind hier zu finden.

Die Kritik der Gruppe Schwarz & Weiß traf zumindest in einem Punkt zu. Seit dem Btx-Hack war der CCC bei den Medien gefragt und war sogar beim ZDF Jahresrückblick „Menschen 84“ zu Gast.1 Auch die Buchverlage witterten, dass das Thema Hacker in Westdeutschland ein interessantes Thema sein könnte. Im Frühjahr 1985 kamen daher zwei Taschenbücher auf den Markt, die sich mit der deutschen Hackerszene auseinandersetzen und bei denen jeweils der Chaos Computer Club im Mittelpunkt stand.

Im Rowohlt-Verlag erschien im Februar ein Buch des konkret-Autors Werner Heine2, das „Die Hacker. Von der Lust, in fremden Datennetzen zu Wildern“3 hieß. Darin porträtiert der Autor den CCC als eine Gruppe von Menschen, die die Macht des Computers verstanden hätte, und denen es jetzt darum ginge, diese Macht ad absurdum zu führen. So soll Wau Holland laut Heine bei einer Fahrscheinkontrolle einmal seinen transportablen Computer herausgeholt und die Dienstnummer des Kontrolleurs eingegeben haben – dies allein hätte genügt, um die gefühlte Machtverteilung in dieser Situation völlig umzudrehen.

Dennoch würde der CCC laut Heine keine Politik machen, denn dies würde gemeinsames Handeln nach Regel erfordern, was den individualistischen Mitgliedern des CCC fremd sei. Heine weiter:

„Wenn Wau und die anderen trotzdem für etwas kämpfen, dann ist es das Recht auf ungehinderte Kommunikation. ›Die neuen Technologien‹, sagt Wau, ›sind Bürgersteige, auf denen wir das Wegerecht beanspruchen.‹“4

Aber auch der Club selbst war 1985 publizistisch tätig. Das Angebot einiger Verlage, ein Buch des CCCs zu verlegen, lehnte Wau Holland jedoch ab. Da er seit Längerem die Zeitschriften und Bücher des alternativen Verlegers Werner Piper las, wandte er sich an Pieper, um eine „Hackerbibel“ zu produzieren, die im Herbst 1985 erschien. Die Hackerbibel sollte die bisherigen Aktionen des Clubs dokumentieren und „das gesammelte Gedankengut verbreiten, um angefangenes fortzuführen und neues zu kreieren“5. Im Sommer 1988 folgte im gleichen Format ein zweiter Teil der Hackerbibel.6

Deckblatt der Hackerbibel 1

Deckblatt der ersten Hackerbibel.

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  1. Vgl. Gruppe Schwarz & Weiß: Wo bleibt das Chaos? In: taz hamburg, 22. Februar 1985, S. 15.
  2. Heine hatte für die konkret bereits Anfang 1984 Wau Holland interviewt. Vgl. Holland: So wird „gehackt“.
  3. Werner Heine: Die Hacker. Von der Lust, in Fremden Datennetzen zu Wildern. Reinbek 1985.
  4. Werner Heine: Die Hacker, S. 14f. Das zweite Buch, das Anfang 1985 auf den Markt kam, war „Die Hacker sind unter uns. Heimliche Streifzüge durch die Datennetze“ von Thomas Ammann und Matthias Lehnhardt. Die beiden Journalisten beschreiben darin einige der Aktionen des CCC und beschreiben im Stil einer Reportage ihre Reise in die Hackerszene, im Kapitel „Kabelsalat mit Hack“ setzen sie sich auch mit der erst kurzen Geschichte der Hacker in Westdeutschland und dem Chaos Computer Club auseinander, jedoch ohne im besonderen auf die Ziele des Clubs einzugehen, vgl. Thomas Ammann, Matthias Lehnhardt: Die Hacker sind unter uns. Heimliche Streifzüge durch die Datennetze. München 1985.
  5. Chaos-Team: Vorwort zu ersten Auflage. In: Hackerbibel 1, S. 9.
  6. Vgl. Chaos Computer Club: Die Hackerbibel 2. Das Neue Testament. Löhrbach 1988.

Aus der Geschichte des Chaos Computer Clubs: Der „legendäre“ Btx-Hack

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Bereits im November 1983 war Wau Holland auf dem Stammtisch mit Steffen Wernéry zusammengetroffen. Beide waren sich einig, dass der Computer ein Medium mit einem großen Potenzial war. Als größte Chance, mit dem Computer als Medium zu arbeiten und eine große Zahl von Menschen zu erreichen, galt zu der Zeit das Bildschirmtextsystem der Bundespost (Btx), das zu der Zeit gerade mit einem großen Marketingaufwand eingeführt wurde.1

Bilschirmpest

Abgewandeltes Logo vom Btx. Aus der Datenschleuder 5+6/1984.

Die technischen Grundlagen von Btx waren bei seiner Einführung bereits 10 Jahre alt. Anfang der Siebziger Jahre von der britischen Telekom unter dem Namen Viewdata bzw. Prestel entwickelt, sollte das System über die Telefonleitung und einem Zusatzgerät Informationen eines zentralen, von der Post kontrollierten Computers auf den Fernsehgeräten der Teilnehmer darstellen. Auch die Möglichkeit, anderen Benutzern Nachrichten zu senden und eine Bezahlfunktion war in das System eingebaut. Nachdem bereits 1977 die Einführung in Deutschland beschlossen wurde, verzögerte sich diese wegen politischer und medienrechtlicher Auseinandersetzung über die Zuständigkeit vom Bund oder den Ländern bis ins Jahr 1984.2 Die Bundespost setzte dennoch große Hoffnungen auf Btx und prognostizierte 1983, dass bis Ende der achtziger Jahre über drei Millionen Btx-Anschlüsse geschaltet seien.3

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  1. Vgl. Daniel Kulla: Der Phrasenprüfer. Szenen aus dem Leben von Wau Holland, Mitbegründer des Chaos Computer Clubs. Löhrbach 2003, S. 26f.
  2. Vgl. Dietrich Ratzke: Handbuch der Neuen Medien. Information und Kommunikation, Fernsehen und Hörfunk, Presse und Audiovision heute und morgen. Stuttgart 1982. S. 180-213.
  3. Vgl. Störendendes Flimmern. In: DER SPIEGEL 21/1984, S. 58-60, hier S. 59. Das Ziel von drei Millionen Anschlüssen wurde jedoch deutlich verpasst. Ende 1987 waren erst 96.000 Anschlüsse geschaltet, vgl. Bildschirmtext: Ziel verfehlt. In: DER SPIEGEL 3/1988, S. 101.

Die Ursprünge des Chaos Computer Clubs II: Hacker

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Während das Alternative Milieu in Westdeutschland Computer überwiegend als eine Bedrohung ansahen, war in Teilen der amerikanischen Counterculture eine positivere Einstellung gegenüber Computern und Technologie im Allgemeinen vorhanden. Die Faszination, die der Computer hier auf viele, von den kulturellen Wandlungen der sechziger und frühen siebziger Jahre geprägten Menschen ausübte, führte schließlich dazu, dass sich die Computerindustrie Ende der 1970er revolutionär wandelte. War zu Beginn der Dekade noch der raumgroße Mainframecomputer für Firmen und Behörden das vorherrschende Produktparadigma, trat in nur wenige Jahre der kleine Heimcomputer für den privaten Gebrauch an diese Stelle.1 Eine Subkultur, die entscheiden Anteil an diesem Wandel hatte waren die Hacker.

Die bedeutendste Quelle für die Ursprünge der Hackerkultur ist immer noch Steven Levys 1984 erschienenes Buch „Hackers. Heroes oft the Computer Revolution2, das einen starken Einfluss auf die Selbstdefinition der Subkultur der Hacker hatte. Levy gelang dies vor allem durch die Kodifizierung der in der Subkultur vorherrschenden Werte. Die von ihm beobachtete und erstmals aufgeschriebene Hackerethik bildet den Kern seines Buches.

Für Levy ist das Massachusetts Institute of Technology (MIT) der Geburtsort der Hackerkultur. Hier sollen sich gegen Ende der fünfziger Jahre erstmals Mitglieder des Tech Model Railrod Clubs (TMRC), dem Modeleisenbahnclubs der Universität, Zugang zu Computern verschafft haben. Die für die komplexen Signalanlagen der Modelbahn zuständige Gruppe sei von Telefonrelais und Transformatoren fasziniert gewesen (“Technology was their playground.”3) und habe viel Zeit damit verbracht, technische Bauteile zu beschaffen, zu reparieren und in die Modelbahn zu integrieren. Der für die Hackerkultur namensgebende Begriff „hack“ sei am MIT ursprünglich für einen in amerikanischen Colleges üblichen, aufwendigen Streich in Verwendung gewesen. Die Mitglieder des TMRC hätten den Begriff jedoch für ein „project undertaken or a product built not solely to fulfill some constructive goal” verwendet, welches „with some wild pleasure taken in mere involvement” ausgeführt wurde, und das „innovation, style, and technical virtuosity“4 beinhaltete. Die talentiertesten Mitglieder der Gruppe hätten sich selber als Hacker bezeichnet.5

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Der Chaos Computer Club 1984: erste Datenschleudern und das 64`er-Interview

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Die Hacker-Hymne aus der Datenschleuder 1/1984. Die deutsche Übersetzung erschien so auch schon auf der Hacker-Doppelseite in der taz.

Die erste Datenschleuder war im Format ihrem Vorbild TAP nachempfunden und bestand aus vier Din-A4-Seiten. Ein Grund für dieses Format war, dass die Zeitschrift so leichter mit einem Kopierer vervielfältigt werden konnte, wozu im Impressum ausdrücklich aufgefordert wurde.1

Die erste Ausgabe diente vor allem dazu, den Chaos Computer Club vorzustellen. Ein Manifest, das Wau Holland dafür verfasste, trägt schlicht den Titel „Der Chaos Computer Club stellt sich vor“. Darin heißt es über den Club:

„Der Chaos Computer Club ist eine galaktische Vereinigung ohne feste Strukturen.
Nach uns die Zukunft: vielfältig und abwechslungsreich durch Ausbildung und Praxis im richtigen Umgang mit Computern wird oft auch als „hacking“ bezeichnet)[sic!].
Wir verwirklichen soweit wie möglich das ›neue‹ Menschenrecht auf zumindest weltweiten freien, unbehinderten und nicht kontrollierbaren Informationsaustausch (Freiheit für die Daten) unter ausnahmslos allen Menschen und anderen intelligenten Lebewesen.
Computer sind dabei eine nicht wieder abschaffbare Voraussetzung. Computer sind Spiel-, Werk- und Denk-Zeug: vor allem aber: ›das wichtigste neue Medium‹. Zur Erklärung: Jahrhunderte nach den ›Print‹-Medien wie Büchern, Zeitschriften und Zeitungen entständen Medien zur globalen Verbreitung von Bild und Ton; also Foto, Film, Radio und Fernsehen. Das entscheidende heutige neue Medium ist der Computer. Mit seiner Hilfe lassen sich Informationen ›über alles denkbare‹ in dieser Galaxis übermitteln und – kraft des Verstandes – wird neues geschaffen. Die zur Verbreitung benutzten Techniken sind demgegenüber untergeordnet.“2

Der Computer wird in dieser Erklärung als Medium und nicht als ein Rechengerät begriffen. Der Club stellt sich damit in die Tradition der Videobewegung der siebziger Jahre, und die Forderung nach einem „nicht kontrollierbaren Informationsaustausch […] unter […] allen Menschen“3 stellte eine Weiterentwicklung der von der Video- und Medienbewegung aufgestellten Forderung nach Gegenöffentlichkeit dar. Durch den Computer würden dem Manifest zufolge immer mehr Bereiche miteinander verbunden, die damit einhergehende ortsungebundene Verfügbarkeit von Informationen würde ein Medium von grundlegend neuer Qualität hervorbringen:

„Alle bisher bestehenden Medien werden immer mehr vernetzt durch Computer. Diese Verbindung schafft eine neue Medien-Qualität. Es gibt bisher keinen besseren Namen für dieses neue Medium als Computer.
Wir verwenden dieses neue Medium – mindestens – ebenso (un)kritisch wie die alten. Wir stinken an gegen die Angst- und Verdummungspolitik in Bezug auf Computer sowie die Zensurmaßnahmen von internationalen Konzernen, Postmonopolen und Regierungen.“4

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  1. Im Impressum der ersten Datenschleuder heißt es hierzu: „Verbreitung der Zeitung erfolgt durch Versand/Abo (Kettenbrief), Aushang in Computershops, Waschsalons, Unis, schwarzen Brettern, Innenseiten von Klotüren und – besonders wichtig – über Fotokopierern. Sehen, kopieren, verbreiten – auf eigene Gefahr. (…) ViSdP für Fotokopien ist der Fotokopierende! Bitte Namen über den des vorher Verantwortlichen schreiben!“ Impressum. In: Die Datenschleuder 1, Februar 1984, S. 1. Auch in: Hackerbibel 1, S. 135.
  2. Der Chaos Computer Club stellt sich vor. In: Die Datenschleuder 1, Februar 1984, S. 3. Auch in: Hackerbibel 1, S. 137.
  3. Der Chaos Computer Club stellt sich vor.
  4. Der Chaos Computer Club stellt sich vor.

Die Ursprünge des Chaos Computer Clubs I: Phone Freaks und Phreaking

Der folgende Text ist ein Auszug aus meiner geschichtswissenschaftlichen Masterarbeit mit dem Thema “Ursprünge und Entwicklung des Chaos Computer Clubs in den 1980er Jahren” (PDF|ePub). Weitere Auszüge folgen in den nächsten Tagen. Alle bereits veröffentlichten Teile sind hier zu finden.

Bereits die von Levy beschrieben ersten Hacker waren außer vom Computer auch vom Telefonnetz begeistert. Sie erforschten das Telefonnetz des MIT genauso wie die Fähigkeiten des Computers, und Telefonrelais waren die Grundlage der komplexen Signalanlage des TRMC.1 Dennoch hat das kreative Herumspielen mit dem Telefonsystem eine andere Geschichte als die Hackerkultur, auch wenn die als Phreaking (von „phone freak“2) bezeichneten Praktiken immer eng mit der Hackerkultur verbunden waren. Das Phreaking und die mit ihr verbundene Szene war neben der Hackerkultur eine bedeutende Traditionsquelle für den Chaos Computer Club.

Die Ursprünge des Phreaking liegen in der Umstellung des amerikanischen Telefonsystems von handvermittelten zu selbst gewählten Gesprächen Ende der 1950er. War bis dahin ein menschlicher Operator für Ferngespräche erforderlich, war dies nun mit Hilfe von automatischen Systemen und Computern alleine mit der Wählscheibe des Telefons möglich. Grundlage des ersten Selbstwahlsystems des amerikanischen Telefonnetzes war ein Ton von 2600 Hz, der dem Vermittlungssystem signalisierte, das eine Fernleitung offen und bereit für eine Verbindung war. Beim Entwurf dieses Systems hatten die Ingenieure jedoch nicht an Sicherheit gedacht, sodass jeder, der in der Lage war, einen Ton von 2600 Hz zu erzeugen, Einflussmöglichkeiten auf das Telefonsystem hatte.3

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  1. Vgl. Steven Levy: Hackers. Heroes of the Computer Revolution. New York 1984, S. 51.
  2. Zum Ursprung des Begriffes Phreak siehe Phil Lapsley: Hot For Words: The Etymology of „Phreak“ sowie Phil Lapsley: More on the Origin of „Phreak“.
  3. Das Kapitel über Phreaking basiert auf: Phil Lapsly: The History of Phone Phreaking, 1960-1980. Vortrag auf: The Last HOPE. New York, 18.-20. Juli 2008. Online unter http://www.youtube.com/watch?v=fF2NuFXVJS8 (10. Januar 2012).

Die Gründung des Chaos Computer Clubs II – „Computer-Guerilla“ – Der Chaos Computer Club tritt an die Öffentlichkeit

Der folgende Text ist ein Auszug aus meiner geschichtswissenschaftlichen Masterarbeit mit dem Thema “Ursprünge und Entwicklung des Chaos Computer Clubs in den 1980er Jahren” (PDF|ePub). Weitere Auszüge folgen in den nächsten Tagen. Alle bereits veröffentlichten Teile sind hier zu finden.

"Für alle computer-freaks, die die TAZ-doppelseite vom 8. 11. über die ›ha-cker‹ gelesen haben und wissen wollen, wie sie dem deutschen ›chaos com-puter club‹ beitreten können: kontakt über  WAU Holland, Schwenckestraße 85, 2 Hamburg 19 Beitrittsbedingung ist, das folgende programmierproblem zu lösen: ein pro-gramm zu bauen, das mit dem befehl ›run‹ und dem befehl ›list‹ dasselbe tut. Geht angeblich mit vielen programiersprachen u.a. Basic, Pascal, Fort-ran. Noch ein tip: das problem ist durch rekursion zu lösen."

Anzeige in der taz vom 19. 11. 1983.

Die Berichterstattung des SPIEGEL im Herbst 1983 über Hacker muss von Wau Holland intensiv beobachtet worden sein. Holland, Jahrgang 1951, hatte Anfang der Siebziger Informatik, Mathematik, Politik und Elektrotechnik in Marburg studiert und war gegen Ende des Jahrzehnts ohne Abschluss1 nach Hamburg gekommen. Schon früh von Technik, insbesondere dem Telefonnetz fasziniert, will er in den sechziger Jahren von Blinden in Marburg erfahren haben, wie über Österreich und Ungarn direkte Wählverbindungen in die DDR aufgebaut werden können, die sonst nur nach Anmeldung über das Amt geschaltet wurden. Auch mit dem Telefonnetz der Bundesbahn, wählen nur über die Telefongabel oder kostenlosen Telefonaten will er in dieser Zeit experimentiert haben.2

Obwohl politisch interessiert, fand er während seines Studiums in Marburg weder bei einer der aus seiner Sicht zu technokratischen K-Gruppen noch bei der eher technikfeindlichen Umweltbewegung Anschluss, auch wenn er deren Flugblätter und Schriften aufmerksam sammelte. Prägend war für ihn vor allem Hans Magnus Enzensbergers Aufsatz „Baukasten zu einer Theorie der Medien“3, in dem Enzensberger zu einem emanzipatorischen Gebrauch von Medien aufrief, bei dem die klassische Unterscheidung zwischen Sender und Empfänger aufgehoben wird.4 Gegen Ende der Siebziger war Holland auf die Zeitschriften „Humus“ und „Kompost“ des Verlegers Werner Pieper gestoßen, die vom amerikanischen New Communalism der späten sechziger und frühen siebziger Jahre geprägt waren, und in denen Drogen ebenso wie moderne Technologie als mögliche Wege zu einem neuen Bewusstsein beworben wurden.5 Über den von Werner Pieper in Westdeutschland verlegten „Whole Earth Katalog“ bzw. dessen Ableger „Coevolution Quarterly“ und den „Loompanics-Katalog“, die Empfehlungen für nützliche Bücher, Zeitschriften und Werkzeuge für ein alternatives Leben enthielten, stieß er nach eigenen Aussagen gegen 1980 auf die TAP, die er später als seine „Einstiegsdroge“ bezeichnete: „Die TAPs las ich wie im Rausch. Viele bruchstückhafte Informationen fügten sich plötzlich zu einem ganzen zusammen.“6

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  1. Vgl. Wau Holland: So wird „gehackt“. Interview geführt von Werner Heine. In: konkret 1/1984, S. 64-66, hier S. 66.
  2. Vgl. Wau Holland: Vortrag Geschichte des CCC und des Hackertums in Deutschland. Vortrag auf: Chaos Communication Congress, Berlin 27. Dezember 1998. Tonaufzeichnung verfügbar unter: ftp://ftp.ccc.de/congress/1998/doku/mp3/geschichte_des_ccc_und_des_hackertums_in_deutschland.mp3 (14. Februar 2012).
  3. Vgl. Hans Magnus Enzensberger: Baukasten zu einer Theorie der Medien. In: Kursbuch 20 (1970). Über ästhetische Fragen. S. 159-186.
  4. Vgl. Daniel Kulla: Der Phrasenprüfer. Szenen aus dem Leben von Wau Holland, Mitbegründer des Chaos Computer Clubs. Löhrbach 2003. S. 20f.
  5. Vgl. hierzu ausführlich: Fred Turner: From Counterculture to Cyberculture. Stewart Brand, the Whole Earth Network, and the Rise of Digital Utopianism. Chicago u.a. 2006.
  6. Wau Holland: TAP. Meine Einstiegsdroge. In: Hackerbibel 1, S. 179. Über die TAP will Holland auch bewusst geworden sein, dass die Erkundung der Möglichkeiten des Telefonnetzes, die in Deutschland bislang eher zufällig und spielerisch stattfand, in den USA systematisch und geplant durchgeführt wurde, vgl. Holland: Vortrag Geschichte des CCC und des Hackertums in Deutschland.

Die Gründung des Chaos Computer Clubs I – “Wir Komputerfrieks” – Das erste Treffen bei der taz 1981

Der folgende Text ist ein Auszug aus meiner geschichtswissenschaftlichen Masterarbeit mit dem Thema “Ursprünge und Entwicklung des Chaos Computer Clubs in den 1980er Jahren” (PDF|ePub). Weitere Auszüge folgen in den nächsten Wochen. Alle bereits veröffentlichten Teile sind hier zu finden.

Während der Computer Ende der Siebziger im Alternativen Milieu als Überwachungs- und Kontrolltechnik weitgehend abgelehnt wurde, galt dies nicht für eine andere Technologie, die sich ebenfalls hervorragend zur Überwachung eignet – Video. Seit Anfang der Siebziger als Abfallprodukt der Fernsehindustrie auch auf dem Konsumentenmarkt verfügbar, galt Video bei nicht wenigen Alternativen als revolutionäre Technik, mit der der Anspruch auf Gegenöffentlichkeit verwirklicht und die Macht der etablierten Medien, insbesondere des als besonders manipulativ geltenden Fernsehens, gebrochen werden konnte.

In Hamburg wurde Mitte der Siebziger Jahre von Studierenden der Hochschule für bildende Künste und der Universität der „Medienladen Hamburg“ gegründet. Er hatte den Anspruch, „konkrete, auch politisch-konfliktorientierte Medienarbeit“1 zu machen und „einen alternativen Medienansatz gegen die herrschende Medienpraxis durchzuführen“2. Dies sollte dadurch erreicht werden, dass Gruppen und Initiativen Videogeräte und Schnittmöglichkeiten zur Verfügung gestellt wurden, womit diese ihre Projekte selbstständig darstellen und dokumentieren konnten.3 Die fertigen Produktionen wurden in der Regel im kleinen Kreis vorgeführt und danach in der Videothek des Medienladens aufbewahrt, ggf. noch als Kopie anderen Videogruppen zur Verfügung gestellt. Eine große Reichweite über den Kreis der Beteiligten hinaus erreichten die Produktionen des Medienladens nur selten.4

Der Hamburger Medienladen und das gemeinsame Interesse an den Möglichkeiten und Auswirkungen von Technik brachte aber fünf Männer zusammen, die im September 1981 zu einem Treffen von „Komputerfrieks“ in die Redaktionsräume der taz luden, dass vom Chaos Computer Club selber als seine informelle Gründung bezeichnet wird.5 Eingeladen wurde zu dem Treffen über die taz. Am 1. September 1981 erschien dort unter Aktuelles eine Meldung mit folgendem Inhalt:

TUWAT,TXT Version  Dass die innere Sicherheit erst durch Komputereinsatz möglich wird, glauben die Mächtigen heute alle. Dass Computer nicht streiken, setzt sich als Erkenntnis langsam auch bei mittleren Unternehmen durch. Dass durch Komputereinsatz das Telefon noch schöner wird, glaubt die Post heute mit ihrem Bildschirmtextsystem in ›Feldversuchen‹ beweisen zu müssen. Dass der ›personal computer‹ nun in Deutschland dem videogesättigten BMW-Fahrer angedreht werden soll, wird durch die nun einsetzenden Anzeigenkampagnen klar. Dass sich mit Kleincomputern trotzalledem sinnvolle Sachen machen lassen, die keine zentralisierten Großorganisationen erfordern, glauben wir. Damit wir als Komputerfrieks nicht länger unkoordiniert vor uns hinwuseln, tun wir wat und treffen uns am 12.9.81 in Berlin, Wattstr. (TAZ-Hauptgebäude) ab 11.00 Uhr. Wir reden über internationale Netzwerke – Kommunikationsrecht – Datenrecht (Wem gehören meine Daten?) – Copyright – Informations u. Lernsysteme – Datenbanken – Encryption – Komputerspiele – Programmiersprachen – processcontrol – Hardware – und was auch immer.  Tom Twiddlebit, Wau Wolf Ungenannt(»2)

Anzeige in der taz vom 1. 9. 1981.6

Unter dem Pseudonym Tom Twiddlebit verbarg sich Klaus Schleisiek, Wau stand für Herwart Holland-Moritz, genannt Wau Holland, mit Wolf war Wolf Gevert gemeint. Die zwei Ungenannten waren Wulf Müller und Jochen Büttner.

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  1. Jochen Büttner: Alternative Medienarbeit mit VIDEO. In: Gerhard Lechenauer (Hrsg.): Alternative Medienarbeit mit Video und Film. Reinbek 1979. S. 121-140, hier 134.
  2. Büttner: Alternative Medienarbeit, S. 134.
  3. Vgl. Büttner: Alternative Medienarbeit, S. 134.
  4. Vgl. Büttner: Alternative Medienarbeit, S. 138.
  5. Vgl. Selbstdarstellung des Chaos Computer Club unter http://ccc.de/de/club (10. Februar 2012).
  6. TUWAT,TXT Version. In: taz, 01. September 1981, S. 2.

„Wargames“ – Wie die westdeutschen Medien 1983 die Hacker entdeckten

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Im Herbst des Jahres 1983 kam der amerikanische Spielfilm „Wargames – Kriegsspiele“1 in die westdeutschen Kinos. In dem Film manipuliert der jugendliche Protagonist David mithilfe seines Heimcomputers und eines Akustikkopplers nicht nur Noten auf dem Schulcomputer, sondern er findet auch zufällig einen Zugang zu einem Militärcomputer. In dem Glauben, es handele sich um ein Computerspiel, startet er dort eine Simulation, die vom Militär für einen sowjetischen Angriff gehalten wird. Erst im letzten Moment wird der Irrtum erkannt und der Gegenschlag abgebrochen. Im weiteren Verlauf des Films muss sich David dann mit allerlei technischen Tricks gegen FBI und Militär zu Wehr setzen sowie das Computersystem von der Sinnlosigkeit eines Nuklearkrieges überzeugen.

Mit dem Film wurde die Debatte über Hacker, die in den USA spätestens seit dem Sommer 1983 geführt wurde auch von den westdeutschen Medien aufgenommen. Bereits im Frühjahr hatte DER SPIEGEL einen Artikel über „umherschweifend[e] Hack-Rebell[en]“2 veröffentlicht, in dem Hacker als „Computer-Besessene“ vorgestellt worden, „die in dem rechnervernetzten Amerika ein elektronisches Spiel ohne Grenzen treiben“3. Es handele sich um „eine Gruppe manischer Computer-Fans, die stunden- oder tagelang vor der Eingabetaste hocken und Fragen oder Befehle hinein›hacken‹ – kaum daß sie sich Zeit zum Essen und zum Schlafen nehmen“4. Während die guten Hacker nur wie Touristen in fremden Datenbeständen unterwegs seien, würden die bösen, die als Crasher bezeichnet werden, auch zum Vandalismus greifen. Beide Gruppen würden nicht gegeneinander kämpfen, sondern sich „gemeinsam in den Rechnernetzen [tummeln] – beide Gruppen betrachten sich als Opfer eines als ungerecht empfundenen Systems.“5 Während einige Hacker mit ihren meist überragenden Fähigkeiten Karriere an Universitäten oder in der Wirtschaft machen würden, lebten andere ihre Frustration über vergebliche Job- oder Studienplatzsuche in fremden Computern aus. In Untergrundzeitschriften wie dem „Tap Newsletter“ würde sich die Szene austauschen und über gefundene Sicherheitslücken berichten.6

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Show 6 footnotes

  1. Vgl. Wargames – Kriegsspiele. Regie John Badham. USA 1983.
  2. Schweifende Rebellen. In: DER SPIEGEL 21/1983, S. 182-185, hier S. 185.
  3. Schweifende Rebellen, S. 182.
  4. Schweifende Rebellen, S. 182.
  5. Schweifende Rebellen, S. 182.
  6. Vgl. Schweifende Rebellen, S. 185.

„Die Studie“ – Der Chaos Computer Club und die Grünen 1986

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Trau keinem computer, den du nicht (er-)tragen kannst.

Titelbild der „Studie“.

1986 wollte auch der Deutsche Bundestag endlich an der Heimcomputerrevolution teilnehmen. Eine Kommission des Ältestenrates hatte 1984 die USA bereist, dort das Computersystem des US-Kongresses kennengelernt und die Idee eines parlamentsinternen Computersystems mit nach Bonn gebracht.

Durch die Einführung eines Computernetzwerkes, so die Hoffnung der Parlamentarier, könnte die Informationsverteilung vereinfacht werden und Unmengen an Papier und Botengängen eingespart werden. Um zukunftsfähig zu sein, sollte das System gleich auf dem neuen Telefonstandard ISDN basieren, über den die Computer im Bundestag ebenso miteinander verbunden werden sollten, wie die Computer in den Wahlkreisbüros der Abgeordneten. Für die Einführung von Parlakom, so der Name des geplanten Netzwerkes, wurden 1986 im Haushalt des Bundestages 8,7 Millionen Mark eingeplant, welche an die Fraktionen verteil werden sollten. Während die CDU/CSU Fraktion voraus preschte und auf die Technik der amerikanischen Firma Wang setzte, war die geplante Computerisierung besonders für die Fraktion der Grünen problematisch.1

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