Kurz Verlinkt: Jan Hecker-Stampehl über digitale Geschichte und Geschichtsswissenschaft

In der letzten Episode des von mir hochgeschätzten Podcasts „Stimmen der Kulturwissenschaften“ (direkt mp3|ogg) spricht Jan Hecker-Stampehl über digitale Geschichte und Geschichtswissenschaften.

Wichtig fand seinen Hinweis, das die Digitalisierung weniger neue (geisteswissenschaftliche) Methoden hervorbringt, sondern sich mehr auf die Kommunikation über Geschichte auswirkt – ein Umstand, auf den die professionelle Geschichtswissenschaft reagieren muss, um nicht den Rest ihrer gesellschaftlichen Bedeutung zu verlieren. Gerade deshalb sind Blogs und Projekte wie @9Nov38 für die Geschichtswissenschaft so wichtig, weil sie den akademischen Diskurs öffnen.

Ich widerspreche allerdings Jans Behauptung, dass Historiker nicht programmieren können müssen. Das mag bislang zwar noch so sein, aber spätestens, wenn wir es mit rein digitalen Quellen („digital born“) zu tun bekommen, sollte ein Historiker genau wissen, wie diese Quellen entstanden sind und was sie eigentlich aussagen können. Oder kurz gesagt: In Zukunft wird auch die Informatik ein Werkzeug des Historikers sein!

Gescannte oder fotografierte Texte und PDFs optimieren – Ein kleines Scan Tailor-Tutorial für Windows

In immer mehr Bibliotheken stehen mittlerweile Buchscanner, vielerorts dürfte daher das Scannen von Texten oder ganzen Büchern das zwar ebenso zeitaufwendige, aber in der Regel kostenpflichtige Kopieren ersetzt haben. Steht kein Aufsichtsscanner zur Verfügung, etwa in kleineren Archiven, übernimmt oft eine handelsübliche Digitalkamera diese Funktion. Die Qualität solcher Scans oder Fotografien lässt oftmals aber sehr zu wünschen übrig, der eigentliche Text ist häufig schlecht zu erkennen. Insbesondere, wenn man seine mühsam in Archiv gesammelten Quellenschätze anderen zur Verfügung stellen möchte, sollte man daran noch etwas ändern.

Schon vor einiger Zeit habe ich das Programm Scan Tailor ScanTailor Advanced entdeckt, mit dem man die Bildqualität von solchem Material nachträglich deutlich verbessern kann. ScanTailor ist eine Software, die dazu verwendet wird, Bücher zu digitalisieren, es kann weitgehend automatisiert die Seiten aufteilen, den Text begradigten, schwarze Ränder entfernen und den Text gegenüber dem Hintergrund hervorheben. Scans, die mit Scan Tailor optimiert wurden, sind deutlich besser zu lesen und haben darüber hinaus den Vorteil, dass sie bei einer erneuten Überführung auf Totholz (aka „Drucken“) umweltfreundlicher sind, da Toner gespart wird. Außerdem lässt sich mit ScanTailor die Dateigröße eines PDFs oftmals deutlich reduzieren. Aber seht selbst.

Vorher

Nachher

„Gescannte oder fotografierte Texte und PDFs optimieren – Ein kleines Scan Tailor-Tutorial für Windows“ weiterlesen

Mein Fazit zur #digigw2013: Digitale Geschichtswissenschaft sollte dezentral, nachhaltig und offen sein

Gestern war ich auf der Auftakttagung der „AG Digitale Geschichtswissenschaft“ des deutschen Historikerverbandes in Braunschweig und möchte hier jetzt ganz persönliches Fazit der Veranstaltung ziehen. Weitere Kommentare zu der Veranstaltung sind bislang hierhier und hier zu finden.

Während die Vorträge und die Podiumsdiskussion (Programm der Tagung) sehr allgemein Fragen der Digitalisierung von Quellen, elektronischen Publizierens, Institutionen und „Big Data“ in der deutschen Geschichtswissenschaft thematisierte, war die sich parallel auf Twitter stattfindende Diskussion deutlich spannender und teilweise sehr viel kritischer und emotionaler. Leider gab es keine Twitterwall, sodass die Diskussion auf den Kreis der ohnehin sehr netzaffinen twitternden Historiker beschränkt blieb – schade, eine Rückbindung an Twitter hätte zumindest die Podiumsdiskussion beleben können.

Mein Zwischenfazit von der Diskussion und der Stimmung vor Ort auf Twitter habe ich in zwei Tweets zusammengefasst:

Beide Punkte möchte ich hier etwas näher ausführen, insbesondere, was ich unter einer dezentralen, nachhaltigen und offenen digitalen Geschichtswissenschaft verstehe.

„Mein Fazit zur #digigw2013: Digitale Geschichtswissenschaft sollte dezentral, nachhaltig und offen sein“ weiterlesen

„Der Mikroprozessor könnte tatsächlich der Schlüssel zu Utopia werden“ (Club of Rome, 1982)

https://stummkonzert.de/wp-content/uploads/2012/11/cover_club_of_Rome_1982.jpgFundstück aus dem Bericht an den Club of Rome zum Thema Mikroelektronik (1982):

„Der Mikroprozessor ist vielversprechend, weil er sich überall in der Automation in Industrie und im Tertiärsektor einsetzen läßt und damit die Produktivität in einem Maß gesteigert werden kann, daß es möglich sein sollte, alles, was ein Land braucht – Verteidigung, Gesundheits- und Erziehungswesen, Ernährung und Wohlfahrt -, bereitzustellen und jedermann einen einigermaßen hohen Lebensstandard zu gewährleisten, ohne die Ressourcen unseres Planeten zu erschöpfen oder zu vermindern; und all das mit einem Bruchteil der heute aufgewendeten physischen Arbeitsleistung. Anfangs wird es um die Eliminierung schmutziger, stumpfsinniger, repetitiver und gefährlicher Arbeiten gehen sowie um die Einführung kürzerer Wochen- und Lebensarbeitszeit. Später dann könnte sich der Weg zu einer Gesellschaft auftun, in der der einzelne Zeit, Mittel und Möglichkeiten hat, seinen spezifischen Interessen nachzugehen und Erfüllung darin zu finden: in Kunst, Wissenschaft, Handwerk, Erziehung, Sport oder auf anderen Gebieten. Dies könnte zur faktischen Abschaffung der Armut und der Tyrannei der Arbeit führen. Der Mikroprozessor könnte tatsächlich der Schlüssel zu Utopia werden.“

Aus: Alexander King, Einleitung: Eine neue industrielle Revolution oder bloß eine neue Technologie?, in: Günter Friedrichs/Adam Schaff (Hrsg.), Auf Gedeih und Verderb. Mikroelektronik und Gesellschaft. Bericht an den Club of Rome, Wien u.a. 1982, S. 11–47, hier S. 37.

Die Gründung des Chaos Computer Clubs II – „Computer-Guerilla“ – Der Chaos Computer Club tritt an die Öffentlichkeit

Der folgende Text ist ein Auszug aus meiner geschichtswissenschaftlichen Masterarbeit mit dem Thema “Ursprünge und Entwicklung des Chaos Computer Clubs in den 1980er Jahren” (PDF|ePub). Weitere Auszüge folgen in den nächsten Tagen. Alle bereits veröffentlichten Teile sind hier zu finden.

"Für alle computer-freaks, die die TAZ-doppelseite vom 8. 11. über die ›ha-cker‹ gelesen haben und wissen wollen, wie sie dem deutschen ›chaos com-puter club‹ beitreten können: kontakt über  WAU Holland, Schwenckestraße 85, 2 Hamburg 19 Beitrittsbedingung ist, das folgende programmierproblem zu lösen: ein pro-gramm zu bauen, das mit dem befehl ›run‹ und dem befehl ›list‹ dasselbe tut. Geht angeblich mit vielen programiersprachen u.a. Basic, Pascal, Fort-ran. Noch ein tip: das problem ist durch rekursion zu lösen."
Anzeige in der taz vom 19. 11. 1983.

Die Berichterstattung des SPIEGEL im Herbst 1983 über Hacker muss von Wau Holland intensiv beobachtet worden sein. Holland, Jahrgang 1951, hatte Anfang der Siebziger Informatik, Mathematik, Politik und Elektrotechnik in Marburg studiert und war gegen Ende des Jahrzehnts ohne Abschluss1Vgl. Wau Holland: So wird „gehackt“. Interview geführt von Werner Heine. In: konkret 1/1984, S. 64-66, hier S. 66. nach Hamburg gekommen. Schon früh von Technik, insbesondere dem Telefonnetz fasziniert, will er in den sechziger Jahren von Blinden in Marburg erfahren haben, wie über Österreich und Ungarn direkte Wählverbindungen in die DDR aufgebaut werden können, die sonst nur nach Anmeldung über das Amt geschaltet wurden. Auch mit dem Telefonnetz der Bundesbahn, wählen nur über die Telefongabel oder kostenlosen Telefonaten will er in dieser Zeit experimentiert haben.2Vgl. Wau Holland: Vortrag Geschichte des CCC und des Hackertums in Deutschland. Vortrag auf: Chaos Communication Congress, Berlin 27. Dezember 1998. Tonaufzeichnung verfügbar unter: ftp://ftp.ccc.de/congress/1998/doku/mp3/geschichte_des_ccc_und_des_hackertums_in_deutschland.mp3 (14. Februar 2012).

Obwohl politisch interessiert, fand er während seines Studiums in Marburg weder bei einer der aus seiner Sicht zu technokratischen K-Gruppen noch bei der eher technikfeindlichen Umweltbewegung Anschluss, auch wenn er deren Flugblätter und Schriften aufmerksam sammelte. Prägend war für ihn vor allem Hans Magnus Enzensbergers Aufsatz „Baukasten zu einer Theorie der Medien“3Vgl. Hans Magnus Enzensberger: Baukasten zu einer Theorie der Medien. In: Kursbuch 20 (1970). Über ästhetische Fragen. S. 159-186., in dem Enzensberger zu einem emanzipatorischen Gebrauch von Medien aufrief, bei dem die klassische Unterscheidung zwischen Sender und Empfänger aufgehoben wird.4Vgl. Daniel Kulla: Der Phrasenprüfer. Szenen aus dem Leben von Wau Holland, Mitbegründer des Chaos Computer Clubs. Löhrbach 2003. S. 20f. Gegen Ende der Siebziger war Holland auf die Zeitschriften „Humus“ und „Kompost“ des Verlegers Werner Pieper gestoßen, die vom amerikanischen New Communalism der späten sechziger und frühen siebziger Jahre geprägt waren, und in denen Drogen ebenso wie moderne Technologie als mögliche Wege zu einem neuen Bewusstsein beworben wurden.5Vgl. hierzu ausführlich: Fred Turner: From Counterculture to Cyberculture. Stewart Brand, the Whole Earth Network, and the Rise of Digital Utopianism. Chicago u.a. 2006. Über den von Werner Pieper in Westdeutschland verlegten „Whole Earth Katalog“ bzw. dessen Ableger „Coevolution Quarterly“ und den „Loompanics-Katalog“, die Empfehlungen für nützliche Bücher, Zeitschriften und Werkzeuge für ein alternatives Leben enthielten, stieß er nach eigenen Aussagen gegen 1980 auf die TAP, die er später als seine „Einstiegsdroge“ bezeichnete: „Die TAPs las ich wie im Rausch. Viele bruchstückhafte Informationen fügten sich plötzlich zu einem ganzen zusammen.“6Wau Holland: TAP. Meine Einstiegsdroge. In: Hackerbibel 1, S. 179. Über die TAP will Holland auch bewusst geworden sein, dass die Erkundung der Möglichkeiten des Telefonnetzes, die in Deutschland bislang eher zufällig und spielerisch stattfand, in den USA systematisch und geplant durchgeführt wurde, vgl. Holland: Vortrag Geschichte des CCC und des Hackertums in Deutschland.7

„Die Gründung des Chaos Computer Clubs II – „Computer-Guerilla“ – Der Chaos Computer Club tritt an die Öffentlichkeit“ weiterlesen

„Die Magie der Roboter“ – wie der SPIEGEL 1956 über Computer berichtete

In einem der ersten an ein breites Publikum gerichteten Artikel berichtete DER SPIEGEL 1956 (40/1956, S. 42-53) über die neue Erfindung des Computers (ohne diesen Begriff jedoch zu verwenden) und den erwarteten sozialen und politischen Auswirkungen der neuartigen „Elektronengehirne“.

In diesem frühen Bericht wird bereits das Schreckgespenst einer durch Computer und Automatisierung drohenden Arbeitslosigkeit an die Wand gemalt:

„Sie [die Elektronengehirne] lenken und beaufsichtigen industrielle Arbeitsvorgänge, ersetzen die Menschen, vertreiben sie aus den Büros und von den Arbeitsplätzen an den Fließbändern.“

Und als Zitat von Alwin Walther:

„›Auf diese Weise werden offenbar Buchhalter und ähnliche mittlere Angestellte, die bisher prinzipiell einfache, aber lange und stumpfsinnige Rechenarbeit zu leisten hatten, von Arbeitslosigkeit bedroht …‹“

Neben Grundsätzlichen (Binärsystem, Geschichte der Rechenmaschinen, Kybernetik) wird auch die Befürchtung erwähnt, der Computer könne die Macht des Staates vergrößern:

„Wiener warnte, derartige Maschinen würden den Staat zum bestinformierten Spieler auf jeder einzelnen Ebene machen und ihn zum höchsten Koordinator aller Teilentscheidungen erheben: ›Das sind außerordentliche Privilegien. Wenn sie wissenschaftlich fundiert werden, werden sie den Staat unter allen Umständen in die Lage versetzen, alle anderen Spieler eines menschlichen Spiels zu schlagen …‹“

YIPL und TAP, Ausgaben von 1971 bis 1984

Im Netz geistert schon seit einiger Zeit ein PDF mit allen Ausgaben der TAP von 1971 bis 1984 sowie eines Versuchs der Neuauflage 1989 herum. Da die TAP, die 1971 von Abbie Hoffmann und „El Bell“ als YIPL (Youth International Party Line) gegründet wurde, eine wichtige Quelle für die Geschichte früher Hacker und Phreaker ist und unmittelbare Inspiration für Wau Holland zum Start der datenschleuder und damit zur Gründung des Chaos Computer Club war, sichere ich das auch mal hier…

YIPL und TAP, Ausgaben 01-91;99,100

Außerdem gab es 1971 auch noch einen Flugblatt zum Start der YIPL.