Die Gründung des Chaos Computer Clubs I – “Wir Komputerfrieks” – Das erste Treffen bei der taz 1981

Der folgende Text ist ein Auszug aus meiner geschichtswissenschaftlichen Masterarbeit mit dem Thema “Ursprünge und Entwicklung des Chaos Computer Clubs in den 1980er Jahren” (PDF|ePub). Weitere Auszüge folgen in den nächsten Wochen. Alle bereits veröffentlichten Teile sind hier zu finden.

Während der Computer Ende der Siebziger im Alternativen Milieu als Überwachungs- und Kontrolltechnik weitgehend abgelehnt wurde, galt dies nicht für eine andere Technologie, die sich ebenfalls hervorragend zur Überwachung eignet – Video. Seit Anfang der Siebziger als Abfallprodukt der Fernsehindustrie auch auf dem Konsumentenmarkt verfügbar, galt Video bei nicht wenigen Alternativen als revolutionäre Technik, mit der der Anspruch auf Gegenöffentlichkeit verwirklicht und die Macht der etablierten Medien, insbesondere des als besonders manipulativ geltenden Fernsehens, gebrochen werden konnte.

In Hamburg wurde Mitte der Siebziger Jahre von Studierenden der Hochschule für bildende Künste und der Universität der „Medienladen Hamburg“ gegründet. Er hatte den Anspruch, „konkrete, auch politisch-konfliktorientierte Medienarbeit“1 zu machen und „einen alternativen Medienansatz gegen die herrschende Medienpraxis durchzuführen“2. Dies sollte dadurch erreicht werden, dass Gruppen und Initiativen Videogeräte und Schnittmöglichkeiten zur Verfügung gestellt wurden, womit diese ihre Projekte selbstständig darstellen und dokumentieren konnten.3 Die fertigen Produktionen wurden in der Regel im kleinen Kreis vorgeführt und danach in der Videothek des Medienladens aufbewahrt, ggf. noch als Kopie anderen Videogruppen zur Verfügung gestellt. Eine große Reichweite über den Kreis der Beteiligten hinaus erreichten die Produktionen des Medienladens nur selten.4

Der Hamburger Medienladen und das gemeinsame Interesse an den Möglichkeiten und Auswirkungen von Technik brachte aber fünf Männer zusammen, die im September 1981 zu einem Treffen von „Komputerfrieks“ in die Redaktionsräume der taz luden, dass vom Chaos Computer Club selber als seine informelle Gründung bezeichnet wird.5 Eingeladen wurde zu dem Treffen über die taz. Am 1. September 1981 erschien dort unter Aktuelles eine Meldung mit folgendem Inhalt:

TUWAT,TXT Version  Dass die innere Sicherheit erst durch Komputereinsatz möglich wird, glauben die Mächtigen heute alle. Dass Computer nicht streiken, setzt sich als Erkenntnis langsam auch bei mittleren Unternehmen durch. Dass durch Komputereinsatz das Telefon noch schöner wird, glaubt die Post heute mit ihrem Bildschirmtextsystem in ›Feldversuchen‹ beweisen zu müssen. Dass der ›personal computer‹ nun in Deutschland dem videogesättigten BMW-Fahrer angedreht werden soll, wird durch die nun einsetzenden Anzeigenkampagnen klar. Dass sich mit Kleincomputern trotzalledem sinnvolle Sachen machen lassen, die keine zentralisierten Großorganisationen erfordern, glauben wir. Damit wir als Komputerfrieks nicht länger unkoordiniert vor uns hinwuseln, tun wir wat und treffen uns am 12.9.81 in Berlin, Wattstr. (TAZ-Hauptgebäude) ab 11.00 Uhr. Wir reden über internationale Netzwerke – Kommunikationsrecht – Datenrecht (Wem gehören meine Daten?) – Copyright – Informations u. Lernsysteme – Datenbanken – Encryption – Komputerspiele – Programmiersprachen – processcontrol – Hardware – und was auch immer.  Tom Twiddlebit, Wau Wolf Ungenannt(»2)

Anzeige in der taz vom 1. 9. 1981.6

Unter dem Pseudonym Tom Twiddlebit verbarg sich Klaus Schleisiek, Wau stand für Herwart Holland-Moritz, genannt Wau Holland, mit Wolf war Wolf Gevert gemeint. Die zwei Ungenannten waren Wulf Müller und Jochen Büttner.

Jochen Büttner war im Medienladen Hamburg engagiert und hatte Ende der Siebziger im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel ein Stadtteilkino mit dem Namen Blimp gegründet, in welchem er den Anwohnern Kunst, Videofilme und Musik zugänglich machen wollte. In einem von ihm verfassten Aufsatz über „Alternative Medienarbeit mit VIDEO“ gab er 1979 einen Einblick in seine Motivation.7 Er ordnete darin die Videobewegung der 1970er in eine historische Kontinuität mit der Entwicklung des Radios sowie des Films und der Presse in den 1920er Jahren ein. So hätten sich bereits bei der Einführung des Rundfunks in Deutschland 1923 zu den 1300 von der Post genehmigten Radioempfängern auch Zehntausende nicht zugelassene und zum Teil selbst gebaute Empfänger gesellt, von denen einige leistungsfähiger als die Geräte der Reichspost waren. Der hohe Preis der Radioempfänger hätte Mitte der zwanziger Jahre zur Gründung des „Arbeiter Radio Klubs“ (ARK) geführt.8

Der Aufsatz enthält ein Interview, das ein Mitarbeiter des Medienladens 1978 mit dem ehemaligen technischen Leiter des ARK, Bruno Voigt, geführt hat. Voigt berichtet darin von den Bemühungen des Klubs, in den 1920er Jahren durch technische Anleitungen, der Zurverfügungstellung von gebrauchten Materialen oder durch die Reparatur defekter Geräte Radios für Arbeitern verfügbar zu machen, in der Hoffnung, die Arbeiter über das Radio besser erreichen und direkter informieren zu können.

„V[oigt]: Damals wurde viel darüber gesprochen: Wenn irgendein verrückter König oder Herrscher den Einfall kriegt, Krieg zu machen, und die Arbeiterschaft ein Radiogerät zur Verfügung hat und an alle Leute in aller Welt telegrafiert: Macht keinen Krieg, die Waffen nieder!, daß dann wir wirklich dafür sorgen können, daß keiner die Waffen in die Hand nimmt. Das war natürlich alles Utopie, Träume damals.“9

In jüngster Zeit sei es laut Büttner vor allem Hans-Magnus Enzensbergers Aufsatz „Baukasten zu einer Theorie der Medien“10 gewesen, der durch seine Forderung zum emanzipatorischen Gebrauch der Medien die Videobewegung inspiriert hätte.11

Jochen Büttner und Klaus Schleisiek haben sich über den Medienladen kennengelernt, wo Schleisiek ab 1975 für die Reparatur und den Umbau der Videotechnik verantwortlich war. 1979 ging Schleisiek in die USA, um an einem Kunstprojekt in Minnesota mitzuwirken, bei dem eine interaktive Soundinstallation aufgebaut wurde. Anfang 1981 kehrte er mit einem Osborne 1, dem ersten Heimcomputer, der mit etwa 11 Kilo Gewicht inklusive Monitor als transportable bezeichnet wurde, nach Hamburg zurück und zog bei Jochen Büttner ein.12

Über das Blimp Kino von Büttner kamen die beiden in Kontakt mit Wau Holland und Wulf Müller, auch Wolf Gevert muss in dieser Zeit zu der Gruppe gestoßen sein. Gevert hatte schon seit den fünfziger Jahren als Programmierer für verschiedene Computerhersteller gearbeitet und verfügte bereits über viel Erfahrung mit Computern, während für die anderen Computer ein relativ neuer Bereich war. Bei ihren Gesprächen wollen die Fünf Mitte 1981 erkannt haben, dass sich Mikrocomputer allmählich auch in Deutschland immer weitere verbreiteten und zunehmend als Konsumprodukt beworben wurden. Um auf breiterer Grundlage über diese Entwicklung und die politische Bedeutung zu diskutieren, sei die Idee für das Treffen am 12. September 1981 in den Berliner Redaktionsräumen der taz entstanden.13

Der Ort und der Termin für das Treffen wurden bewusst gewählt. Vom 5. bis zum 13. September 1981 fand in Berlin die Internationale Funkausstellung (IFA) statt, bei der auch Neuheiten aus dem Videobereich vorgestellt wurden. Außerdem fand zu der Zeit in Berlin auch der Tuwat-Kongress statt, der schließlich dem Treffen auch seinen Namen gab. In Anlehnung an den Tunix-Kongress von 1978 hatten die Organisatoren des Tuwat-Kongresses die Aktivisten der jüngsten Hausbesetzerbewegung ab dem 25. August 1981 für vier Wochen zu einem „Spektakel in Bärlin“14 eingeladen, um das „Woodstock der Hausbesetzer“15 zu feiern. Der genaue Ort des Treffens, die Berliner Redaktionsräume der taz, wurde aus eher pragmatischen Gründen gewählt. Zum einem sahen sich die fünf einladenden Hamburger als taz-nah, die zu der Zeit als ein Gemeinschaftsprojekt des Alternativen Milieus angesehen wurde. Außerdem gab es dort passende Räumlichkeiten sowie einen großen Tisch, der schon in der Kommune 1 gestanden hatte.16

Zu dem Treffen sollen etwa 20 Personen gekommen sein, außer der Gruppe aus Hamburg stammten die Teilnehmer überwiegend aus Berlin und München.17 Als Ergebnis des Treffes sind drei Dokumente erhalten, ein Protokoll und ein Thesenpapier, die beide von Klaus Schleisiek verfasst wurden, sowie eine Presseerklärung, die im Anschluss an das Treffen „an alle wichtigen Fachblaetter versandt“18 werden sollte.

In der knappen, einseitigen Presseerklärung, die von der Hamburger Gruppe um Schleisiek und Büttner verfasst wurde, heißt es, dass „[e]ine Gruppe von Computer-Spezialisten aus allen Teilen der Bundesrepublik und Westberlin“ sich zwischen „TUWAT und Funkausstellung in Westberlin zu einem Informations- und Erfahrungsaustausch“19 getroffen und über Themen gesprochen habe, die „weit über den üblichen Rahmen des ›Hardware-Software-Schemas‹ hinaus“20 gegangen seien. „Volle Übereinstimmung bestand darin, daß der Mikrocomputer weniger eine ernstzunehmende Alternative zum Mainframe-Rechner […], als vielmehr die Grundlage heute noch nicht absehbarer Anwendungen“21 sei. Es sei vereinbart worden, anlässlich der Systems-Messe Ende Oktober in München wieder zusammen zu kommen, um die Diskussion fortzusetzen. „Bis dahin soll ein Papier fertiggestellt werden, das Interessierten auf Wunsch gerne zur Verfügung gestellt wird – auch in maschinenlesbarer Form.“22

In dem Thesenpapier23 wird konstatiert, dass die „Fortentwicklung der Komputertechnologie, die mit dem Schlagwort ›Mikroprozessor‹ angegeben werden kann“24, die „Anwendungsgebiete von maschineller Intelligenz erweitern“25 und neue Lösungsmöglichkeiten für traditionell mit Mainframe-Computern gelöster Probleme bieten werde. Die zunehmende Werbung für den „personal computer“ mache zudem deutlich, „daß sich der DV Markt in einer Übergangsphase vom einem Investitions- zu einem Konsumgütermarkt“26 befände. An diese Entwicklungen hätten die traditionellen Datenverarbeitungsfirmen den Anschluss verpasst, sodass in den neuen Marktsegmenten auch neue „Organisationszusammenschlüsse“27 überlebensfähig sein könnten, da die Grenzen zwischen bislang getrennten Bereichen der Datenverarbeitung fließend werden.28 Die Universitäten hätten diese Entwicklung bislang nicht erkannt und würden daher am Bedarf vorbei weiter für Mainframerechner ausbilden. Der Arbeitsmarkt würde heute jedoch nach Programmierern verlangen, die damit zurechtkommen, die volle Kontrolle über ein System zu haben, und nicht wie bei Mainframerechner nur über hierarchisch eingegrenzte Freiheitsgrade verfügen.29

Aus dieser Problemanalyse leitet Schleisiek ab, „daß es nötig ist, zu einem unabhängigen, überregionalen, fächerübergreifenden Zusammenschluss derjenigen zu kommen, die ihre Spezialisierungen Anderen nutzbar und in Arbeitskreisen und Fortbildungsveranstaltungen weiteren Kreisen vermitteln wollen.“30 Hiermit seien nicht nur „›fachidiotische‹ Themenstellungen“31 gemeint, sondern es hätte sich auf dem Treffen auch gezeigt, „daß die sozialen Fragen, die aus der Tatsache ›intelligente Maschine‹ resultieren“32 auch thematisiert werden müssen. Dies sei vor allem deswegen notwendig, da viele Programmierer darunter leiden würden, dass in der „›Restgesellschaft‹“33 oft leidenschaftlich, aber ohne Grundlagenwissen über das Thema Computer diskutieren werde. Häufig würden die negativen Auswirkungen des Computers auf dem Arbeitsmarkt beklagt, während „die Möglichkeiten des Aufstellen phantasievoller Vorgaben bzw. Projektdefinitionen, die durch neue Technologien ermöglicht werden“34, nicht wahrgenommen werden. Die durch den Computer geschaffenen Arbeitsplätze seien oft psychologisch gewalttätig, da durch die pragmatische Gestaltung der Programme oftmals „der Benutzer zum Sklaven der Maschine statt die Maschine zum Werkzeug des Benutzers“35 werde.

Hieraus folgert Schleisiek:

„Also: Nicht nur die Weiterbildung der Profis tut not, viel mehr noch eine Verbreitung des Wissens um die Möglichkeiten des Rechnereinsatzes als auch die Gefahren, die sich z. B. den Bürgerrechten durch staatliche und private Informationsmonopole stellen.“36

Eine Hoffnung des Treffens sei auch gewesen, dass sich künftig Arbeitsgruppen bilden, die eins der Zwölf in Arbeitspapier aufgeführten Themengebiete bearbeiteten werden. Als künftige Themenschwerpunkte werden aufgeführt:

„1. Kommunikation/Datennetze […]
2. Datensicherheit/Computerkriminalität[…]
3. Datenrechte/Datenschutz/Copyright[…]
4. Massenspeicher/Datenbanken[…]
5. Programmiersprachen/ -methoden/ -werkzeuge […]
6. Benutzerfreundlichkeit […]
7. Soziale Fragen des Komputereinsatzes […]
8. Entmystifizierung des Computers durch Aufklärung […]
9. Informations und Lernsysteme […]
10. alternative Computerspiele […]
11. alternative Anwendungen […]
12. ungedachte Anwendungen […]“37

Anders als das Thesenpapier scheint das Protokoll, das Schleisiek mit seinem Pseudonym Tom Twiddlebit unterzeichnet hat, einen persönlicheren Charakter zu haben und mehr seine eigenen Ansichten wiederzugeben. Für ihn waren als Diskussionsinhalte des Berliner Treffens vor allem zwei Dinge relevant: Zum einen die alternative Nutzung von Computern in Form von „Simulationen, Messwerterfassung ›oekologischer Daten‹“38. Der Berliner Mieterverein hätte mit der Erfassung leer stehender Wohnungen begonnen:

„Dieses Beispiel zeigt, dass in vielen Faellen die ›alternative‹ Nutzung darin besteht, existierende Systeme dadurch neuen sozialen Gruppen zugaenglich zu machen, dass bestehende Systeme dupliziert werden, da der Zugriff auf sie nicht gegeben ist – das waeren in diesem Beispiel die Daten der Elektrizitaetswerke.“39

Was mit diesem Beispiel gemeint war, hat 17 Jahre später Wau Holland auf einem Vortrag berichtet. Als Reaktion auf die Rasterfahndung des BKA, bei der Stromkunden darauf überprüft wurden, ob sie ihre Rechnung mit Bargeld zahlten, sei auf dem Treffen anlässlich des parallel stattfindenden Hausbesetzerkongress überlegt worden, dass sich mit den Daten der Elektrizitätswerke ja auch einfach alle Wohnungen ermitteln ließen, in denen kein Strom verbraucht wird und die daher vermutlich leer stehen – um sie zu besetzen.40

Der zweite Punkt, den Schleisiek als Thema des Treffens hervorhob, war der Kommunikationsaspekt von Computern. Hierbei könne vor allem von den USA gelernt werden, da dort schon Systeme etabliert seien, „die dazu gedacht [seien], einen Informationsaustausch zwischen Personen/Gruppen zu ermoeglichen, die sich nicht zur gleichen Zeit am gleichen Ort versammeln und nicht zur gleichen Zeit ihr Ohr am Telefonhoerer haben – sondern Zeitverschoben kommunizieren können“41. Er nennt hierfür Beispiele wie das Community Bulletin Board System (CBBS42), eine der ersten Mailboxen, oder das Community Memory Project. Hierbei seien aber zwei Aspekte zu unterscheiden. Neben den „öffentlichen Dienstleistungsinformationen (der Hauptaspekt der CBBS-Systeme), die von allgemeinen Interesse“43 seien, gebe es noch private Kommunikation auf diesen Systemen, die daher Fragen der Verschlüsselung aufwerfen würden. Aber auch die öffentlichen Informationen auf diesen Systemen seinen gefährdet: Es sei „nicht schwer zu prognostizieren, dass in einigen Jahren von Grosskonzernen Mitarbeiter eingestellt werden […] die öffentliche Datenbanksysteme regelmaesig nach verwertbaren Informationen […] durchforsten“44 werden.

Der letzte Punkt, den Schleisiek im Protokoll anspricht, sind die gesellschaftlichen und politischen Aspekte des Computers. Hier nimmt er die Debatte über die Datenbanken des BKAs und anderer Institutionen auf.

„Es ist klar, dass staatliche und halbstaatliche Datenbanksysteme durch fortschreitenden Datenverbund immer perfektere Sozialsteuerung ermöglichen werden, dadurch, dass mögliche Konfliktherde ›im Vorfeld‹ diagnostiziert werden und gezielt mit Befriedungstaktiken politisch gegengesteuert wird.“45

Die aktuelle Hausbesetzerbewegung sieht er „als Betriebsunfall bzw. als Beweis“ dafür an „dass die bestehenden Systeme noch nicht weit genug ausgebaut sind – im Sinne der Herrschenden“46: Protokoll TUWAT Komputerfriektreffen, S. 2.]. Als Beleg dieser These verweist er auf das seiner Meinung nach sehr demaskierende Herold-Interview in der TransAtlantik, dass im Herbst 1980 in Auszügen auch im SPIEGEL abgedruckt wurde.47

Angesichts der Überwachungsbedrohung sei ein strittiger Punkt bei der Diskussion gewesen, „ob es für die ueberwachte Gesellschaft wichtiger [sei], an Kommunikation zu partizipieren – oder die Kommunikation zu verhindern“. Diese Frage sei jedoch nicht generell zu beantworten, „manchmal so, manchmal anders. Oder kurz: Wer hat den groeßeren Nutzen: Die Informationsverbreiter oder die Informationsüberwacher?“48

Insgesamt erwecken das Thesenpapier, die Presseerklärung und das Protokoll den Eindruck, dass in Berlin hauptsächlich Programmierer und computeraffine Menschen zusammengekommen sind, die den gerade stattfindenden Paradigmenwechsel in der Computerindustrie, vom großen Investitionsgut Mainframecomputer hin zum kleinen Konsumprodukt Heimcomputer, wahrnahmen und gestalten wollten. Da sie hierbei jedoch keine Hilfe von etablierten Firmen oder Institutionen wie den Universitäten erhielten, hofften sie, sich und andere durch Selbsthilfe auf diesen Paradigmenwechsel vorzubereiten und die positiven Aspekte dieser Entwicklung stärker zu betonen.

Die erhofften Arbeitsgruppen scheinen nicht zustande gekommen zu sein. Zwar fuhr die Hamburger Gruppe zu dem Treffen nach München,49 aber über Inhalt und Verlauf dieses Treffen sind keine Dokumente überliefert. In Hamburg wurden einige der Themen zwischen Büttner, Schleisiek, Wau Holland und Wulf Müller im Rahmen von regelmäßigen Mittagessen in der Kantine des Bezirksamtes Eimsbüttel weiter diskutiert, aber Schleisiek ging kurz nach dem Münchener Treffen zurück in die USA.50

Show 50 footnotes

  1. Jochen Büttner: Alternative Medienarbeit mit VIDEO. In: Gerhard Lechenauer (Hrsg.): Alternative Medienarbeit mit Video und Film. Reinbek 1979. S. 121-140, hier 134.
  2. Büttner: Alternative Medienarbeit, S. 134.
  3. Vgl. Büttner: Alternative Medienarbeit, S. 134.
  4. Vgl. Büttner: Alternative Medienarbeit, S. 138.
  5. Vgl. Selbstdarstellung des Chaos Computer Club unter http://ccc.de/de/club (10. Februar 2012).
  6. TUWAT,TXT Version. In: taz, 01. September 1981, S. 2.
  7. Vgl. Büttner: Alternative Medienarbeit.
  8. Vgl. Büttner: Alternative Medienarbeit, S. 124f.
  9. Büttner: Alternative Medienarbeit, S. 126.
  10. Vgl. Hans Magnus Enzensberger: Baukasten zu einer Theorie der Medien. In: Kursbuch 20 (1970). Über ästhetische Fragen. S. 159-186.
  11. Weitere Traditionslinien, in der Büttner die Videobewegung der 1970er einordnet, sind die Publikationen von Willi Münzenberg. Der kommunistische Medienmogul der Weimarer Republik hätte sich durch seine sehr visuellen Publikationen bewusst von den bürgerlichen Medien der Zeit abgegrenzt, vgl. Büttner: Alternative Medienarbeit, S. 130.
  12. Vgl. Interview von Tim Pritlove mit Klaus Schleisiek, Wolf Gevert und Jochen Büttner am 17. Februar 2008. Tonaufzeichnung veröffentlicht als: Chaos Radio Express 77, TUWAT.TXT. Online verfügbar unter http://cre.fm/cre077 (10.02.2012).
  13. Vgl. Interview von Tim Pritlove mit Klaus Schleisiek, Wolf Gevert und Jochen Büttner.
  14. Widerliche Auswüchse. In: DER SPIEGEL 34/1981, S. 31f., hier S. 31.
  15. Widerliche Auswüchse, S. 31.
  16. Der Tisch wurde ursprünglich 1969 von Hans-Christian Ströbele für das Sozialistische Anwaltskollektiv erworben und wurde dann über die Kommune 2 zur Kommune 1 weitergereicht. Von dort soll er in den siebziger Jahren über verschiedene Stationen der linken Szene Berlins schließlich als Leihgabe zur taz gekommen sein. Im Sommer 1990 wurde der Tisch von einer Gruppe Autonomer aus der taz-Redaktion geklaut. Seine Spur verliert sich in der Berliner Hausbesetzerszene. Hier wurde er vermutlich Anfang der 1990er zu Brennholz verarbeitet. Vgl. Magenau, Jörg: Die taz. Eine Zeitung als Lebensform. München 2007, S. 52-56.
  17. Vgl. Interview von Tim Pritlove mit Klaus Schleisiek, Wolf Gevert und Jochen Büttner.
  18. Tom Twiddlebit (Klaus Schleisiek): Protokoll TUWAT Komputerfriektreffen Berlin 12.10.1981(sic!), S. 2.
  19. Presse-Erklärung (zum Tuwat-Treffen 1981). (September 1981).
  20. Presse-Erklärung.
  21. Presse-Erklärung.
  22. Presse-Erklärung.
  23. Klaus Schleisiek: Thesenpapier zum münchener(sic!) Treffen. (September 1981). Das Thesenpapier ist auf dem 17.10.1981 datiert, vermutlich handelt es sich hierbei um einen Datierungsfehler und das Dokument wurde bereits am 17.09.1981 fertiggestellt, also kurz nach dem Treffen in Berlin. Hierauf deutet das Protokoll hin, dass ebenfalls von Schleisiek verfasst wurde. Das Datum des Berliner Treffens ist dort fehlerhaft in den Oktober verschoben, während das Protokoll selber auf den 24.09.1981 datiert ist. Das Thesenpapier wird bereits im Protokoll erwähnt („siehe Presseerklärung und Arbeitspapier“, S.1), zudem ist es sehr unwahrscheinlich, dass ein Thesenpapier, welches an die Teilnehmer des Münchener Treffens verschickt werden sollte, erst eine Woche vor dem Treffen in München fertiggestellt wurde.
  24. Schleisiek: Thesenpapier, S. 1.
  25. Schleisiek: Thesenpapier, S. 1.
  26. Schleisiek: Thesenpapier, S. 1.
  27. Schleisiek: Thesenpapier, S. 1.
  28. Vgl. Schleisiek: Thesenpapier, S. 1.
  29. Vgl. Schleisiek: Thesenpapier, S. 1.
  30. Schleisiek: Thesenpapier, S. 1.
  31. Schleisiek: Thesenpapier, S. 1.
  32. Schleisiek: Thesenpapier, S. 1.
  33. Schleisiek: Thesenpapier, S. 1.
  34. Schleisiek: Thesenpapier, S. 2.
  35. Schleisiek: Thesenpapier, S. 2.
  36. Schleisiek: Thesenpapier, S. 2.
  37. Schleisiek: Thesenpapier, S. 2f.
  38. Tom Twiddlebit (Klaus Schleisiek): Protokoll TUWAT Komputerfriektreffen Berlin 12.10.1981(sic!). (September 1981). Online unter: http://berlin.ccc.de/~tim/tmp/tuwat-protokoll.pdf (14. Februar 2012).
  39. (Schleisiek): Protokoll TUWAT Komputerfriektreffen, S. 1.
  40. Vgl. Wau Holland: Vortrag Geschichte des CCC und des Hackertums in Deutschland. Vortrag auf: Chaos Communication Congress, Berlin 27. Dezember 1998. Tonaufzeichnung verfügbar unter: ftp://ftp.ccc.de/congress/1998/doku/mp3/geschichte_des_ccc_und_des_hackertums_in_deutschland.mp3 (14. Februar 2012)
  41. (Schleisiek): Protokoll TUWAT Komputerfriektreffen, S. 1.
  42. CBBS stand ursprünglich für Computerized Bulletin Board System. Schleisiek scheint hier aus seiner Erinnerung einen anderen Namen wiederzugeben.
  43. (Schleisiek): Protokoll TUWAT Komputerfriektreffen, S. 1.
  44. (Schleisiek): Protokoll TUWAT Komputerfriektreffen, S. 2.
  45. (Schleisiek): Protokoll TUWAT Komputerfriektreffen, S. 2.
  46. [Schleisiek
  47. Schleisiek schlägt den auszugsweisen Nachdruck des Interviews allerdings dem Magazin Stern zu, vgl. (Schleisiek): Protokoll TUWAT Komputerfriektreffen, S. 2.
  48. Tom (Schleisiek): Protokoll TUWAT Komputerfriektreffen, S. 2.
  49. Vgl. Interview von Tim Pritlove mit Klaus Schleisiek, Wolf Gevert und Jochen Büttner.
  50. Vgl. Interview von Tim Pritlove mit Klaus Schleisiek, Wolf Gevert und Jochen Büttner.

Kommentar schreiben

4 Kommentare.

  1. Wenn man den Artikel so liest, ist es beachtlich, wie weit wir heute mit der Informationstechnik sind. Bei der Gründung des Chaos Computerklubs erschien vielleicht vieles noch als Zukunftsvision. Denn bei der Tagung des Klubs wurden Themen behandelt, die damals noch nicht aktuell waren. Was auch dadurch war, weil die Technik in den USA weiter war, als bei uns, und Einblicke in die Technik bestanden, neben dem mitgebrachten Rechner aus den USA. Es wird im Artikel auch auf die Videotechnik eingegangen.

Kommentar schreiben


Hinweis - Du kannst dies benutzenHTML tags and attributes:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>