Die Ursprünge des Chaos Computer Clubs I: Phone Freaks und Phreaking

Der folgende Text ist ein Auszug aus meiner geschichtswissenschaftlichen Masterarbeit mit dem Thema “Ursprünge und Entwicklung des Chaos Computer Clubs in den 1980er Jahren” (PDF|ePub). Weitere Auszüge folgen in den nächsten Tagen. Alle bereits veröffentlichten Teile sind hier zu finden.

Bereits die von Levy beschrieben ersten Hacker waren außer vom Computer auch vom Telefonnetz begeistert. Sie erforschten das Telefonnetz des MIT genauso wie die Fähigkeiten des Computers, und Telefonrelais waren die Grundlage der komplexen Signalanlage des TRMC.1 Dennoch hat das kreative Herumspielen mit dem Telefonsystem eine andere Geschichte als die Hackerkultur, auch wenn die als Phreaking (von „phone freak“2) bezeichneten Praktiken immer eng mit der Hackerkultur verbunden waren. Das Phreaking und die mit ihr verbundene Szene war neben der Hackerkultur eine bedeutende Traditionsquelle für den Chaos Computer Club.

Die Ursprünge des Phreaking liegen in der Umstellung des amerikanischen Telefonsystems von handvermittelten zu selbst gewählten Gesprächen Ende der 1950er. War bis dahin ein menschlicher Operator für Ferngespräche erforderlich, war dies nun mit Hilfe von automatischen Systemen und Computern alleine mit der Wählscheibe des Telefons möglich. Grundlage des ersten Selbstwahlsystems des amerikanischen Telefonnetzes war ein Ton von 2600 Hz, der dem Vermittlungssystem signalisierte, das eine Fernleitung offen und bereit für eine Verbindung war. Beim Entwurf dieses Systems hatten die Ingenieure jedoch nicht an Sicherheit gedacht, sodass jeder, der in der Lage war, einen Ton von 2600 Hz zu erzeugen, Einflussmöglichkeiten auf das Telefonsystem hatte.3

Nach Einführung des neuen Systems dauerte es nicht lange, bis einige neugierige Benutzer der Bedeutung des hörbaren Tons nachgingen und seine Funktion heraus fanden. Teilweise geschah dies durch bloßes Herumprobieren. Da die technischen Spezifikationen allerdings nicht geheim, sondern von dem Bell Laboratories gut dokumentiert und veröffentlicht worden waren, konnte auch in öffentlichen Bibliotheken die Bedeutung des Tons erforscht werden.4

Der Weg von der Kenntnis zur Nutzung dieses Wissens war nur kurz. Laut Phil Lapsly wurde bereits 1961 das erste Gerät zur Manipulation des Telefonsystems entdeckt und nach seiner Farbe als „Blue Box“ bezeichnet. Im Laufe der sechziger Jahre hätten sich diese Blue Boxen vor allem an amerikanischen Hochschulen verbreitet, da sie den Studierenden kostenlose Ferngespräche nach Hause ermöglichten. Rief man eine kostenlose 0800-Nummer an und unterbrach die Verbindung noch vor dem Abnehmen der Gegenstelle mit einem selbst erzeugten 2600-Hz-Ton, so war die Leitung für andere Verbindungen frei, während das Abrechnungssystem der Telefongesellschaft weiter von einem kostenlosen Gespräch ausging. Mit der Blue Box konnte nun eine andere Nummer gewählt werden.5

Gegen Ende der Sechziger hatte sich eine eigenständige Szene um die Manipulation und die Erforschung des Telefonnetzes entwickelt, die sich über Telefonkonferenzen quer durch die gesamten USA austauschte. Einer breiten Öffentlichkeit wurde diese Subkultur durch eine von dem Journalisten Ron Rosenbaum 1971 verfasste Reportage im Lifestylemagazin Esquires bekannt. Unter dem Titel „Secrets of the Little Blue Box – A story so incredible it may even make you feel sorry for the phone company6 berichtete Rosenbaum über seinen Recherchen in die Szene der Phone Phreaks.

Rosenbaums begann seine Reise in die Welt der Phone Phreaks bei einem Produzenten von Blue Boxes, der ihm sein neustes Gerät vorstellte. Die kleine Box, kaum größer als eine Zigarettenschachtel, würde seinem Besitzer ein Gefühl der Macht vermitteln, Macht über das Telefonsystem. Zusammen mit einem Telefonanschluss würden sie eine Reise um die ganze Welt ermöglichen, mit wenigen Tastendrücken könne man sich aus den USA über Satellit mit London oder Paris verbinden lassen, nur um dort nach dem Wetter zu fragen, ohne dafür etwas zu zahlen. Um dieses Gefühl der Macht zu bekommen, sei nicht unbedingt eine Blue Box erforderlich. Bereits ein Tonband mit den richtigen Tönen drauf sein ausreichend, wenn auch weniger komfortabel. Und das Beste daran sei, zitiert Rosenbaum den Hersteller der Blue Boxen, dass „Ma Bell“, der amerikanische Telefonmonopolist,7 kaum etwas dagegen tun könne, ohne ihr System grundlegend zu ändern.8

Nach dieser Einführung in die Möglichkeiten der Blue Box beschreibt Rosenbaum das „underground telephone network“9, das in den USA existieren soll. Die Mitglieder dieses Netzwerkes würden sich durch Telefonkonferenzen zusammen­finden und sich nur unter ihren Spitznamen wie Dr. No, Marty Freemann oder Captain Crunch kennen. Von allen Phone Phreaks sei Captain Crunch [John Draper] der in der Szene derzeit legendärste. Seinen Namen habe er nach einer Cornflakesmarke gewählt, in deren Packung er vor einigen Jahren eine Pfeife gefunden haben will, welche genau 2600Hz pfiff. Nun würde er in einem alten VW durch die USA fahren und hätte im Kofferraum eine selbst gebaute, computerbasierte und erweiterte Blue Box, die er manchmal an eine Telefonleitung anschließen würde, um durch die ganze Welt zu telefonieren.10

Rosenbaum gelang es, Captain Crunch zu interviewen. Der Grund, warum er mit dem Telefonsystem herumspielen würde, sei laut Captain Crunch vor allem sein Wille zu lernen:

“[…]I do it for one reason and one reason only. I´m learning about a system. The phone company is a System. A computer is a System. […] If I do what I do, it is only to explore a System. Computers. Systems. That´s my bag. The phone company is nothing but a computer. […] If I do anything it´s for the pure knowledge of the System.”11

Ein weiteres Mitglied der Szene, den Rosenbaum für seine Reportage besuchte, war der blinde Joe Engressia, der allein durch Pfeifen Kontrolle über das Telefonnetz erlangen konnte. Über sein Talent sei 1968 in den Medien berichtet worden, nachdem die Telefongesellschaft und seine Universität gegen ihn vorgegangen sind. Dies hätte zu einem Zusammenrücken verschiedener Gruppen von Phone Phreaks geführt und die landesweite Szene begründet.12 In dieser Szene seien besonders viele Blinde vertreten, da für sie Phreaking eine besondere Möglichkeit böte, sich auszutauschen und Anerkennung zu erfahren.[12 .Vgl. Rosenbaum: Secrets, S. 124f.] Rosenbaum will von einem anonymen Informanten aus der Szene auch erfahren haben, dass bereits drei Phone Phreaks ausreichen würden, um das gesamte Telefonsystem der USA lahmz legen.13

Am Ende seiner Reporte berichtet Rosenbaum über Mark Bernay. Seit seiner Jugend sei Bernay von Telefonen begeistert gewesen. Nach seinem Studium sei er die Westküste der USA entlang gefahren und habe durch Aufkleber in Telefonzellen und Telefonanschlüssen mit Bandansagen Informationen über das Phreaking verbreitet. In letzter Zeit würde er sich jedoch mehr für Computer interessieren, aus dem gleichen Grund, warum er sich vorher für das Telefonnetz interessiert habe.

“[T]he kick is in finding out how to beat the system, how to get at things I´m not supposed to know about, how to do things with the system that I´m not supposed to be able to do.”14

So habe er bei seinem letzten Job in einer Computerfirma die Passwörter der Nutzer herausgefunden und in dem Computer unter dem Namen „The Midnight Skulker“ Nachrichten hinterlassen, bis er gefasst worden sei.15 Rosenbaum kommt gegen Ende seiner Reportage zu dem Schluss, dass „computer freaking“16 vermutlich die Zukunft des Phreaking sei, da immer mehr Computer über eine Telefonverbindung zugänglich seien.17

Rosenbaums Reportage zeigt, dass sich 1971 aus dem einfachen Herumspielen mit dem Telefonsystem und den Einsatz von Blue Boxes eine eigenständige Szene entwickelt hatte, die sich mithilfe des Telefonsystems aktiv über das Telefonnetz austauschte. Die Reportage machte diese Szene einer breiteren Öffentlichkeit bekannt und führte zu zahlreichen Neueinsteigern. Die Benutzung von Blue Boxen und andere Möglichkeiten, kostenlose Telefongespräche zu führen, wuchsen bis Mitte der 1970er deutlich an, so dass schließlich andere, schwerer zu manipulierende Methoden des automatischen Verbindungsaufbaus in den USA eingeführt wurden.18 Im selben Jahr wie Rosenbaums Reportage erschien auch erstmalig eine Zeitschrift, welche die amerikanische Counterculture und die Szene der Phone Phreaks miteinander verband, und die eine sehr wichtige Inspirationsquelle für den Chaos Computer Club und das direkte Vorbild für dessen Zeitschrift, der Datenschleuder war: die YIPL bzw. TAP.

Weitere Links:

Show 18 footnotes

  1. Vgl. Steven Levy: Hackers. Heroes of the Computer Revolution. New York 1984, S. 51.
  2. Zum Ursprung des Begriffes Phreak siehe Phil Lapsley: Hot For Words: The Etymology of „Phreak“ sowie Phil Lapsley: More on the Origin of „Phreak“.
  3. Das Kapitel über Phreaking basiert auf: Phil Lapsly: The History of Phone Phreaking, 1960-1980. Vortrag auf: The Last HOPE. New York, 18.-20. Juli 2008. Online unter http://www.youtube.com/watch?v=fF2NuFXVJS8 (10. Januar 2012).
  4. Vgl. Lapsly: Phone Phreaking.
  5. Laut Phil Lapsley wurden Blue Boxen außer an Hochschulen in den Sechzigern vor allem auch von der Mafia genutzt, da sie auch eine Verschleierung von Telefongesprächen ermöglichte, vgl. Lapsly: Phone Phreaking.
  6. Ron Rosenbaum: Secrets of the Little Blue Box. In: Esquire, Oktober 1971, S. 116-125, S. 223-226.
  7. Das amerikanische Telefonsystem bestand zu der Zeit aus verschiedenen, lokalen Telefongesellschaften, die jedoch in der Regel Tochterfirmen der Bell Telephone Company waren. Da Ferngespräche über AT&T abgewickelt wurden, der Bell-Hauptfirma, wurde vereinfachend vom Bell-System, oder von „The Phone Company“ oder von „Ma Bell“, für Mother Bell, gesprochen.
  8. Vgl. Rosenbaum: Secrets, S.117-120.
  9. Rosenbaum: Secrets, S. 120.
  10. Vgl. Rosenbaum: Secrets, S. 120.
  11. Rosenbaum: Secrets, S. 120f.
  12. Vgl. Rosenbaum: Secrets, S. 122.
  13. Der Informant soll ihn auch gewarnt haben: “(W)hatever you do, don`t let this get into the hands of the radical underground.” Rosenbaum: Secrets, S. 123.
  14. Rosenbaum: Secrets, S. 222.
  15. Vgl Rosenbaum: Secrets, S. 222.
  16. Rosenbaum: Secrets, S. 222.
  17. Vgl. Rosenbaum: Secrets, S. 222.
  18. Vgl. Lapsly: Phone Phreaking.
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Die Ursprünge des Chaos Computer Clubs I: Phone Freaks und Phreaking by Matthias Röhr is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International

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